Update zur Kompressionstherapie auf dem Kongress Pflege 2018

Update zur Kompressionstherapie auf dem Kongress Pflege 2018

Update zur Kompressionstherapie auf dem Kongress Pflege 2018

Kerstin Protz, Prof. Dr. med. Knut Kröger

(Berlin) Seit zwei Jahrzehnten eröffnet der Kongress des Springer Verlags  im Januar die Reihe der deutschsprachigen Pflegefachkongresse. Die Veranstaltung, die seit 2016 unter der Marke Springer-Pflege firmiert, fand dieses Jahr am 19. und 20. Januar im Maritim-Hotel pro-Arte in Berlin statt. Die Schwerpunkte des „Kongress Pflege 2018“ lagen auf Recht, Management, Bildung, Personal und Praxis. Die Fachexperten des Starnberger Medical Data Institute erläuterten in einem praxisnahen Workshop Neues zu Möglichkeiten und Grenzen der Kompressionstherapie und boten den interessierten Teilnehmern anschließend Gelegenheit zum Kennenlernen der aktuellen Materialien sowie zum Einüben des sachgerechten Umgangs damit.

Professor Dr. Knut Kröger ist Angiologe im Helios Klinikum Krefeld und Leiter des Ressorts Kompressionstherapie des Medical Data Institute (MDI). Er erläuterte einleitend die Grundlagen und Anwendung der Kompressionstherapie im klinischen Bereich. Kröger wies darauf hin, dass zwar wesentliche Grundlagen der Kompressionstherapie allgemein bekannt seien, das vorhandene Wissen jedoch nur unzulänglich umgesetzt werde. Dies zeige sich beispielsweise in einer großangelegten Umfrage zum Thema Immobilität, an der sich über zweihundert stationäre Einrichtungen beteiligt hatten. Immobile Patienten, also Menschen, die sich aufgrund von Krankheit oder Alter nicht mehr selbständig bewegen können, haben ein höheres Risiko, eine sogenannte Thrombose zu entwickeln. Dieses Risiko besteht insbesondere dann, wenn der Betroffene akut immobil wird und sei bei Patienten, die eventuell bereits über Jahre auf den Rollstuhl angewiesen sind, geringer. Im Krankenhaus kommen bei vorliegendem Thromboserisiko die speziell hierfür entwickelten medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) zum Einsatz. Diese werden allerdings nur auf schlanken, entstauten Beinen angewendet, betonte Kröger und bedauerte, dass ihr Einsatz in den entsprechenden Leitlinien nicht klar definiert sei. Das läge insbesondere an der unklaren Studienlage, ergänzte er. Denn während der Effekt von Medikamenten zur Thromboseprophylaxe in der Forschung gut dokumentiert sei, gibt es nur wenige Daten zu MTPS. Diese sprechen jedoch eindeutig für einen positive Wirkung dieser Materialien. Solche Strümpfe sollen von unten nach oben, also vom Fuß aus in Richtung Körpermitte an Druck abnehmen. Dies sei, so mahnte Kröger, durchaus nicht bei allen am Markt verfügbaren Modellen der Fall. Die medizinischen Kompressionsstrümpfe (MKS), die unter anderem bei bestehender Thrombose bzw. generell bei Erkrankungen im Venensystem zum Einsatz kommen, haben aufgrund ihrer andersgelagerten Aufgabe einen anderen Aufbau und erzeugen höhere Druckwerte. Man unterscheidet im deutschsprachigen Raum vier Kompressionsklassen (KKL). Diese werden mit lateinischen Ziffern von I bis IV bezeichnet, wobei medizinische Kompressionsstrümpfe der KKL IV sehr selten sind. Meist orientiert die sich Entscheidung für eine bestimmte KKL an der Ausprägung des jeweiligen Beinödems, erläuterte Kröger. Die gebräuchliche Faustregel, je stärker das Ödem, desto stärker die Kompressionsklasse, sei Krögers Ansicht nach zu hinterfragen. Strümpfe starker Klassen führen manchmal dazu, dass Patienten ihre Kompressionsversorgung weniger tolerieren. Der Grundsatz, dass jede Kompression – auch eine geringe – besser ist, als keine Kompression ist aber entscheidend  für den Therapieerfolg. „Die Studienlage zeigt, dass in Deutschland im Wesentlichen Kompressionsstrümpfe der KKL II verordnet werden“ erläuterte Kröger. Beide Aspekte sind in die Entwicklung der neuen Kompressionslogik eingeflossen, bei der die Stärke des Strumpfmaterials in den Fokus gerückt wird. Die Kompressionslogik empfiehlt für Menschen mit starker Ödemneigung ein starkes und dickes Strumpfmaterial und für Menschen mit weniger ausgeprägten Schwellungen dünnere Strümpfe. „Wir möchten das Material mehr in den Vordergrund stellen“, stellte Kröger fest. „Auf diese Weise können wir die Patientenzufriedenheit verbessern.“

Zur Ergänzung und zur Hinleitung auf den anschließenden Praxisteil stellte Kerstin Protz die pflegerische Praxis der Anwendung von Kompressionsmaterialien in den Fokus. Die Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf referierte anschaulich zu den Grundlagen der Kompressionstherapie. Unterstützt von Bildmaterial erläuterte Protz dabei Grundsätzliches, wie Unterpolsterung oder regelmäßige Umfangmessung des versorgten Beines zur Erfolgskontrolle durch eine Kompressionsbandagierung. Sie ergänzte ihren Vortrag durch praxisnahe Tipps und Anwenderhinweise. Zudem stellte die Hamburger Fachautorin eine aktuelle Studie zur Kenntnis und zur praktischen Anwendung von Kompressionsversorgungen vor. Eine großangelegt deutschlandweit durchgeführte Studie ermittelte das Wissen und die praktischen Fähigkeiten von Versorgern zur Kompressionstherapie. Hierbei wurden sowohl speziell im Themenfeld fortgebildete Pflegefachkräfte – sogenannte Wundexperten – als auch Mitarbeiter ohne Weiterqualifizierung in diesem Bereich befragt. Knapp 1.100 der befragten Studienteilnehmer absolvierten im Anschluss einen ergänzenden Praxistest, bei dem sie einen phlebologischen Kompressionsverband mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung erstellen. Nur knapp 12 % gelang es, dabei einen therapierelevanten Kompressionsdruck zu erwirken. Zwischen weiter- und nicht weiterqualifizierten Teilnehmern bestand hierbei kein signifikanter Unterschied. Nach Protz' Ansicht belegen diese Ergebnisse eindeutig, dass es hinsichtlich der Versorgungssituation von Patienten mit Kompressionstherapie in Deutschland erhebliches Verbesserungspotential besteht. Eine Möglichkeit, die Situation der Patienten zu verbessern, wäre der Einsatz der sogenannten adaptiven Kompressionsbandagen. Hierbei handelt es sich um wiederverwendbare Kompressionssysteme, die alternativ zu Binden eingesetzt und mit Klettverschlüssen fixiert werden. Dadurch lässt sich der therapierelevante Druck unkompliziert und sicher einstellen und ist zudem nachjustierbar.

Anschließend hatten die Teilnehmer Gelegenheit, die Anlage eines phlebologischen Kompressionsverbands mit Unterpolsterung zu testen. Mittels einer angelegten Messsonde ermittelte Protz die hierbei erzeugten Druckwerte, wobei sich zeigte, wie schwierig es ist, den Druck einzuschätzen, den man bei der Anlage einer solchen Bandagierung erzeugt. Zudem gab es die Möglichkeit, die neuartigen adaptiven Kompressionsbandagen kennenzulernen und die Anlage eines solchen Klett- oder Wrap-Verbands zu üben.

In ihren praxisnahen und informativen Vorträgen auf dem diesjährigen „Kongress Pflege“ griffen die Fachexperten des Medical Data Institute aktuelle Entwicklungen auf und unterstrichen die Bedeutung der Kompressionstherapie in der Versorgung von Menschen mit venösen Erkrankungen. Dabei wurde deutlich, dass es sich lohnt ein Augenmerk auf aktuelle Entwicklungen und moderne Therapieoptionen - wie etwa adaptive Kompressionsbandagen - zu legen, die im Rahmen einer individuellen Therapie die Situation dieser Patienten verbessern können.

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