Materialien der Kompressionstherapie in der Praxis

Materialien der Kompressionstherapie in der Praxis

Materialien der Kompressionstherapie in der Praxis beim 8. VERAH-Kongress am 20. und 21. April in Soltau

Kerstin Protz

(Soltau) Auf dem 8. VERAH-Kongress hatten die Teilnehmer am 20. und 21. April unter anderem Gelegenheit, sich über den aktuellen Stand der Kompressionstherapie in Deutschland zu informieren und die eigenen Fertigkeiten im Umsetzen dieser Therapieform zu überprüfen oder zu verbessern. Kerstin Protz, Fachexpertin des Starnberger Medical Data Institute, hatte für ihren entsprechenden Programmbeitrag den Titel „Ohne Wicklung keine Entwicklung“ gewählt; denn eine adäquate Kompressionstherapie ist Grundlage der Versorgung von Menschen mit venös bedingten Beinulzerationen – dem weit verbreiteten „offenen Bein“.

Die Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis – kurz VERAH – übernimmt nicht-ärztliche Tätigkeiten im Rahmen der hausärztlichen Versorgung. Es handelt sich um eine Weiterqualifizierung, die auf eine Initiative des Hausärzteverbandes zurückgeht und sich an Arzthelferinnen wendet. Insbesondere im ländlichen Bereich zielt das VERAH-Konzept darauf ab, die Hausärzte, vor allem im Hinblick auf Hausbesuche, zu entlasten, und den Patienten gleichzeitig die Behandlung durch das vertraute Praxisteam zu ermöglichen. Die bundesweit durchgeführten VERAH Kongresse thematisieren entsprechende Inhalte und ermöglichen der zunehmenden Anzahl an VERAHs den qualifizierten Austausch. An dem breitgefächerten Programm des 8. VERAH Kongresses im niedersächsischen Soltau nahmen über 200 zur Versorgungsassistentin weitergebildete medizinische Fachangestellte teil. Der Programmbeitrag der MDI-Fachexpertin Kerstin Protz stellte am Samstagvormittag für vier Stunden die Kompressionstherapie in den Fokus.

     
Kerstin Protz ist Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Als unabhängige Referentin für Pflegekonzepte und Fachautorin steht die Kompressionstherapie derzeit im Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen und praktischen Arbeit. In ihrem informativen Vortrag stellte sie zunächst in anschaulicher Weise die Grundlagen der Kompressionstherapie dar. Hierbei sei die Unterpolsterung einer jeden Kompressionsbandagierung ein unabdingbarer Bestandteil der Versorgung, betonte Protz. Bei nicht-unterpolsterten Bandagierungen zeigten sich, ihrer Aussage nach, bereits nach kurzer Zeit Hautreizungen, die sich im weiteren Verlauf zu erheblichen Schädigungen entwickeln könnten. Auch die regelmäßige Umfangmessung des versorgten Beines sei Bestandteil der Kompressionsversorgung und diene der Erfolgskontrolle, die wiederum eine wichtige Grundlage für Entscheidungen zur Anpassung der Therapie darstellt. Protz empfahl, hierbei Einmalmaßbänder zu nutzen, welche auch bereits in manchen Fertigbindensystemen enthalten seien.

Hinsichtlich der Versorgungssituation von Patienten mit Kompressionstherapie in Deutschland bestünde erhebliches Verbesserungspotential, so Protz. Sie belegte ihre Einschätzung  anhand einer aktuellen Studie, in der Kenntnisse und praktische Fertigkeiten von knapp 1.500 Versorgern im Themenfeld Kompressionstherapie erhoben wurden. Diese großangelegte deutschlandweit durchgeführte Studie schloss sowohl speziell im Themenfeld fortgebildete Versorger (z. B. Ärzte, medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte) – sogenannte Wundexperten – als auch Mitarbeiter ohne Weiterqualifizierung in diesem Bereich ein. Im Anschluss an die Befragung zu theoretischen Kenntnissen absolvierten 1.100 der befragten Studienteilnehmer einen ergänzenden Praxistest. Hierbei wurde ein phlebologischer Kompressionsverband mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung erstellt. Danach erfolgte die Messung des dabei am Bein erwirkten Anlagedruckwertes. Dieser sollte bei der Kompressionsversorgung von Menschen mit Ulcus cruris zwischen 40 und 60 mmHg betragen. Nur knapp 12 % der Studienteilnehmer gelang es, diesen therapierelevanten Kompressionsdruck zu erzielen. Zwischen weiter- und nicht weiterqualifizierten Teilnehmern zeigte sich in diesen Daten kein signifikanter Unterschied.

Praxisnahe Tipps und Anwendungshinweise ergänzten den etwa dreistündigen Vortrag der Hamburger Fachautorin. Hierbei stellte Protz auch die aktuellen sogenannten adaptiven Kompressionsbandagen vor. Dies sind wiederverwendbare Kompressionssysteme, die alternativ zu Binden eingesetzt und mit Klettverschlüssen fixiert werden. Dadurch lässt sich der therapierelevante Druck unkompliziert und sicher einstellen und ist zudem nachjustierbar. Die Experten des Medical Data Institute betonen die Vorteile dieser adaptiven Kompressionssysteme gegenüber den klassischen Kurzzugbinden. Im Gegensatz zu den Kompressionsbinden können adaptive Systeme von vielen Patienten selbst angelegt werden, da sie über einen Klettverschluss verfügen. Dabei wird die Einstellung des therapierelevanten Drucks durch eine Messschablone ermöglicht. Ferner können die adaptiven Systeme bei Bedarf nachjustiert werden. „Viele Patienten können bei adaptiver Kompression die normalen Schuhe tragen, was bei Einsatz von Kurzzugbinden eher schwierig wird“, ergänzte Protz. Die Fachexpertin sieht diese Bandagen daher als Möglichkeit zur Verbesserung der Versorgungssituation, insbesondere im Rahmen des Selbstmanagements der Patienten.

Anschließend hatten die Teilnehmer Gelegenheit, in einem sogenannten „Inselworkshop“ mehrere Möglichkeiten der Kompressionsversorgung kennenzulernen und bestehende Kenntnisse zu vertiefen. Unter sachkundiger Anleitung von Protz legten die Teilnehmer aneinander  phlebologische Kompressionsverbände mit Unterpolsterung  an. Mittels einer angelegten Messsonde ermittelte die Fachexpertin die hierbei erzeugten Druckwerte. Es zeigte sich, wie schwierig es ist, den Druck einzuschätzen, den man bei der Anlage einer solchen Bandagierung erzeugt. An einer weiteren „Workshop-Insel“ informierten sich die Teilnehmer über medizinische Kompressionsstrümpfe, Ulkus-Strumpfsysteme und lernten verschiedene An- und Ausziehhilfen kennen. Dies sind Hilfsmittel, die dem Betroffenen den Umgang mit seinen Kompressionsstümpfen erleichtern und zudem das Strumpfmaterial schonen. Zudem gab es die Möglichkeit, die neuartigen adaptiven Kompressionsbandagen kennenzulernen und die Anlage eines solchen Klett- oder Wrap-Verbandes zu üben.     

Der Beitrag der MDI-Fachexpertin Kerstin Protz auf dem 8. VERAH-Kongress in Soltau war gleichermaßen informativ und praxisnah gestaltet. Auf Basis ihrer langjährigen Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden gelang es Protz, aktuelle Inhalte anschaulich zu vermitteln. Dabei verdeutlichte sie eindringlich den Stellenwert der Kompressionstherapie in der Versorgung von Menschen mit venösen Erkrankungen – einer Patientengruppe, der die VERAHs aufgrund der Alterung der Gesellschaft in ihrer alltäglichen Praxis zukünftig immer häufiger begegnen werden.

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