41. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie (DGL) vom 5. bis 7. Oktober 2017 in Bad Soden

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„Lymphdrainage ohne Kompression ist Wellness auf Kasse“

von links nach rechts: Dr. Anya Miller, Professor Dr. Markus Stücker, Kerstin Protz

(Bad Soden) Vom 5. bis zum 7. Oktober fand der 41. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie (DGL) zusammen mit der Lymphologica, dem Jahreskongress der Gesellschaft Deutschsprachiger Lymphologen (GDL) in Bad Soden statt. Über 50 Referenten aus den verschiedenen Fachrichtungen und Berufsgruppen, die mit der Versorgung von Menschen mit lymphatischen Erkrankungen betraut sind, gestalteten ein interessantes und informatives Programm. Die Fachexperten des Starnberger Medical Data Institute erläuterten in diesem Rahmen die Bedeutung der Kompressionstherapie bei Menschen mit Venenerkrankungen und lymphatischen Erkrankungen.Einer der Höhepunkte der Veranstaltung war die gemeinsame Sitzung der DGL mit der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP). Deren Präsident Professor Dr. Markus Stücker teilte sich den Vorsitz der Sitzung mit Dr. Anya Miller, der Präsidentin der DGL.

Schätzungen zufolge ist etwa 2 % der deutschen Bevölkerung von Lymphproblemen betroffen. Diese sind zum großen Teil genetisch bedingt aber nicht durch Vererbung erworben, sondern gehen überwiegend auf Spontanmutation zurück. Ein erhöhtes Risiko besteht bei überdurchschnittlichem Körpergewicht, so berichtete Dr. Anya Miller. Die Berliner Dermatologin machte darauf aufmerksam, dass Phlebologen und Lymphologen nicht nur anatomisch ähnlich verortet seien, sondern oft auch koordiniert und effizient zusammenarbeiten. Miller erläuterte in einem praxisnahen Vortrag die Aspekte der manuellen Lymphdrainage bei Patienten mit einer chronischen venösen Insuffizienz. Die Therapie beginnt mit der Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt mit der manuellen Lymphdrainage, also der Beseitigung der Stauung der Lymphflüssigkeit, begonnen wird. Die Basisdiagnostik im Rahmen einer ausführlichen Anamnese erfolgt hierbei durch Fragen, Hinschauen und Anfassen. Weitere Maßnahmen, wie das Einspritzen von Farbstoffen unter die Haut oder eine Sonographie, ergänzen die Diagnostik nach Bedarf. Als wesentlichen Bestandteil der sogenannten komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) regt der Therapeut bei der manuellen Lymphdrainage den Abfluss der gestauten Lymphe an. Zudem steigert diese Maßnahme auch den venösen Rückfluss des Blutes. Um den erreichten Entstauungserfolg zu gewährleisten, schließt sich an die Lymphdrainage immer eine Kompressionstherapie mit Binden- oder Strumpfversorgung an. ''Lymphdrainage ohne Kompression ist Wellness auf Kasse'', verdeutlichte Miller die Notwendigkeit der Kompressionsversorgung. Patienten sollten daher motiviert werden, sich aus einem ''Massage-Rhythmus'' zu lösen und die Kompressionstherapie als selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags zu begreifen. Die erfolgreiche Therapie lymphatischer Erkrankungen ruht, neben der Entstauung und der Kompressionstherapie, zudem auf einer angepassten Hautpflege, die in einigen Fällen eine Hautsanierung miteinschließt. Genau wie auch bei der Behandlung venenkranker Menschen sei weitere wesentliche Säule der Therapie die Bewegung. Der Weg zum Therapeuten ist Millers Ansicht nach somit bereits Teil der Therapie.

Professor Dr. Markus Stücker beleuchtete in seinem Vortrag die Wechselwirkung zwischen einem operativen Eingriff zur Therapie eines Krampfaderleidens und dem Aufkommen von Lymphflüssigkeit im Gewebe. Wenn solche lymphatischen Komplikationen im Zusammenhang mit Varizenchirurgie auftreten, handelt es sich im Wesentlichen um Serome, also kleine Hohlräume, in denen sich die milchige Lymphflüssigkeit sammelt. Findet ein phlebologischer Eingriff zum ersten Mal statt und geht nicht über die Leiste und die venösen Nebenäste  hinaus, sei ein lymphatisches Risiko sehr gering, so der Bochumer Dermatologe. Bei einem gröseren Eingriff, wie der Crossektomie mit Venenstripping, besteht eine Komplikationsrate von 3,8 %. Bei Operationen von Rezidiven, bei denen zum zweiten oder dritten Mal ein Eingriff in der Leiste erfolgt, erhöht sich das Risiko auf 7 %. Hierbei handelt es sich allerdings lediglich um kleinere Serome, die nur kurzfristig auftreten und in den meisten Fällen von selbst wieder abklingen. Während das Geschlecht offensichtlich keinen Einfluss auf das Risiko einer lymphatischen Komplikation habe, stellen sowohl das Alter als auch das Körpergewicht Risikofaktoren dar. Abschließend machte Stücker darauf aufmerksam, dass Varizenprobleme und lymphatische Auffälligkeiten oft einhergehen. So haben Patienten mit einem Krampfaderleiden, einer sogenannten Varikose, eine verlängerte „transit-time“. Das bedeutet, die Lymphflüssigkeit bewegt sich innerhalb des Beines, z.T. Um die Hälfte langsamer, als bei einem venengesunden Menschen.  Selten ist dafür eine Blockade des Lymphflusses durch die angeschwollene Krampfader ursächlich, merkte Stücker an. Häufigere Ursache sei das Vorliegen einer funktionellen Störungen infolge der Überlastung des Lymphssystems durch den venösen Druck. In diesen Fällen können lymphatische Auffälligkeiten durch chirurgische Eingriffe behoben werden, so Stücker.

Kerstin Protz, Projektmanagerin am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, stellte zwei aktuelle Studien zum Themenkomplex der praktischen Anwendung verschiedener Kompressionsversorgungen vor. Einleitend erläuterte sie eine deutschlandweit durchgeführte Studie, die das Wissen und die praktischen Fähigkeiten von Versorgern hinsichtlich der Kompressionstherapie ermittelte. Hierbei wurde zwischen speziell im Themenfeld fortgebildeten Pflegefachkräften – sogenannten Wundexperten – und Kollegen ohne Weiterqualifizierung in diesem Bereich unterschieden. Knapp 1200 Teilnehmer hatten im Rahmen dieser Studie  an einem Praxistest teilgenommen, bei dem ein phlebologischer Kompressionsverband mit Kurzzugbinden erstellt wurde. Nur knapp 12 % gelang es, einen therapierelevanten Kompressionsdruck zu erzeugen. Dabei gab es zwischen weiter- und nicht weiterqualifizierten Teilnehmern keinen signifikanten Unterschied. Laut Protz belegen diese Ergebnisse eindrucksvoll, dass es für die Versorgungssituation von Patienten mit Kompressionstherapie in Deutschland noch Verbesserungsbedarf gibt. Eine Möglichkeit wäre der Einsatz der sogenannten adaptiven Kompressionsbandagen, deren Druck über Klettverschlüsse unkompliziert und sicher eingestellt werden kann.

In einer weiteren deutschlandweiten Erhebung untersuchte Protz den Versorgungs- und Informationsstand von Patienten mit Kompressionsversorgung. ''Bei der Erfassung der Patienten zeigte sich, dass ein Drittel der Betroffenen mit einem bereits bestehendem venösem Unterschenkelgeschwür, die somit eine Kompressionstherapie benötigen, über keinerlei Versorgung verfügten'', so Protz. Aber auch wenn der Befragte bereits eine Versorgung hatte, war diese oft nicht adäquat. So wurden Kompressionsbinden, die zur Entstauung der Beinödeme dienen, über Monate und teilweise Jahre getragen. Auch die Überprüfung des Wissensstands der Patienten zeigte Defizite auf. So reinigten viele Betroffene ihre Kompressionsmaterialien mit ungeeigneten Waschsubstanzen, die das Material schädigen können. Um die Funktion und die Lebensdauer der Binden und medizinischen Kompressionsstrümpfe zu gewährleisten, kommen bei der Pflege  ausschließlich Feinwaschmittel oder spezielle Strumpfwaschmittel zum Einsatz. Auch die therapieunterstützende Wirkung von Bewegung war vielen Betroffenen nicht bewusst. „Kompressionstherapie wirkt erst bei Aktivierung der Muskelpumpen“, erklärte Protz. Daher sollten Betroffene auf die Möglichkeiten des sogenannten Venensports hingewiesen werden. Diese und weitere Aspekte sind Inhalt einer Patientenedukation, die grundsätzlich Bestandteil jeder Kompressionsversorgung sein sollte. Die Hamburger Fachautorin betonte, dass in der Kompressionstherapie ein großes Potential für Maßnahmen zur Weiterbildung sowohl auf Seiten der Anwender als auch bei Patienten und deren Angehörigen besteht. Spezialisiertes Wissen und erhöhte Kompetenz auf allen Seiten trägt entscheidend zum Erfolg dieser Therapieform bei.        

Der dreitägige gemeinsame Kongress der beiden deutschen lymphologischen Gesellschaften wurde von über 20 Anbietern unterstützt, die den über 300 Besuchern aktuelle Produkte und Versorgungskonzepte auf einer spannenden Industrieausstellung präsentierten. Die Fachexperten des Medical Data Institute gestalteten im Rahmen der Fachtagung informative Vorträge, in denen die Bedeutung der Kompressionstherapie in der Versorgung von Menschen mit lymphatischen Erkrankungen und Venenerkrankungen unterstrichen wurde.

 

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