16. Gesundheits­pflege­kongress am 2. und 3. November 2018 in Hamburg

16. Gesundheits­pflege­kongress am 2. und 3. November 2018 in Hamburg

Kompressionstherapie einmal anders

Kerstin Protz

Der 16. Gesundheitspflegekongress des Springer Verlags fand am 2. und 3. November in den Räumlichkeiten des Hamburger Radisson-Hotels statt. Im Fokus des diesjährigen „Pflegegipfel des Nordens“ standen dieses Jahr insbesondere die aktuellen Veränderungen der pflegerischen Praxis und die neuen Herausforderungen an diesen Berufszweig und sein Umfeld. Kerstin Protz, Fachexpertin des Medical Data Institute, gestaltete am ersten Kongresstag einen gutbesuchten Inselworkshop zur Praxis der Kompressionstherapie.

Über 1.000 Teilnehmer informierten sich auf dem diesjährigen Gesundheitspflegekongress über neue Themen und aktuelle Veränderungen im Bereich der ambulanten und stationären Versorgung. 25 Teilnehmer interessierten sich für einen von Kerstin Protz gestalteten Inselworkshop zur Kompressionstherapie. Im Anschluss an einen einführenden Vortrag zu Grundlagen und Praxis der Kompressionstherapie konnten die Teilnehmer - gemäß dem Untertitel des Programmbeitrags „Kompression erfahren und begreifen“ - selbst aktiv werden und das erworbene Wissen einmal am praktischen Beispiel ausprobieren.

Kerstin Protz ist Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und beschäftigt sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit seit Jahren mit der Kompressionstherapie. Hierbei handelt es sich um eine Säule der Therapie von Menschen mit einem Ulcus cruris venosum, der landläufig als „offenes Bein“ bekannten verbreiteten Art einer chronischen Wunde. Zu Therapiebeginn dient eine adäquate Diagnostik dazu, zu ermitteln, um welche Art des Unterschenkelgeschwürs es sich handelt. In mehr als der Hälfte der Fälle läge tatsächlich ein venöses Ulkus vor, so Protz, doch gibt es diverse andere Ursachen, wie arterielle Durchblutungsstörungen, Hauterkrankungen, Tumore oder Infektionen. Venöse Ulzera gehen meist mit starken Beinödemen einher und bedürfen einer sach- und fachgerechten Kompressionstherapie. Als Kontraindikation gilt eine ausgeprägte arterielle Durchblutungsstörung, die sogenannte kritische Ischämie. Aufschluss gibt eine vorherige Untersuchung der arteriellen Durchblutung per Fußpulse tasten, Taschendoppler oder Ultraschall. „Ohne Strom kein Licht“, fasste Protz anschaulich zusammen.

Protz zufolge weisen aktuelle Erkenntnisse darauf hin, dass es in Deutschland hinsichtlich der Kompressionstherapie an grundlegenden Fertigkeiten und Basiswissen mangele. Zur Veranschaulichung stellte die Hamburger Fachautorin eine Studie zur praktischen Anwendung von Kompressionsversorgungen vor. Diese deutschlandweit durchgeführte Untersuchung ermittelte das Wissen und die praktischen Fähigkeiten von Versorgern zur Kompressionstherapie. Hierbei wurden mit sogenannten „Wundexperten“ speziell im Themenfeld fortgebildete Versorger befragt aber auch nicht in diesem Themenbereich weiterqualifizierte Mitarbeiter eingebunden. 1.100 der befragten Studienteilnehmer erklärten sich zudem zu einem ergänzenden Praxistest bereit. Hierbei legten sie einen phlebologischen Kompressionsverband (PKV) mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung an. Dabei gelang es nur knapp 12 % einen therapierelevanten Kompressionsdruck zu erwirken. Laut Protz war im Ergebnis zwischen weiter- und nicht weiterqualifizierten Teilnehmern kein signifikanter Unterschied festzustellen. Ihrer Ansicht nach belegen diese Ergebnisse, dass hinsichtlich der Versorgungssituation von Patienten mit Kompressionstherapie in Deutschland erhebliches Verbesserungspotential bestehe.

In den weiteren durch viele anschauliche Bilder aus dem praktischen Alltag illustrierten Ausführungen der Fachexpertin erfuhren die Teilnehmer von den besonderen Herausforderungen, die eine  Kompressionstherapie, sowohl für Patienten als auch Versorger, mit sich bringt und welche Möglichkeiten es gibt, allen Beteiligten die erforderlichen Maßnahmen zu erleichtern. Protz wies in diesem Zusammenhang insbesondere auf die sogenannten „An- und Ausziehhilfen“ hin, die dem Betroffenen teilweise den selbstbestimmten Umgang mit den medizinischen Kompressionsstrümpfen ermöglicht. Auch die neuartigen adaptiven Kompressionsbandagen, deren innovatives Klett-System die Einstellung des Kompressionsdrucks erleichtert, können die Adhärenz des Patienten gegenüber der Kompressionstherapie erhöhen.
Im Anschluss an eine Erläuterung der Grundsätzlichkeiten der Kompressionstherapie hatten die Teilnehmer in einem Inselworkshop testweise Gelegenheit, aneinander PKV mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung anzulegen. Mit einem Druckmessgerät ermittelte Protz dabei den tatsächlich unterhalb der Bandagierung erwirkten Kompressionsdruck. Zudem gab es an einer weiteren „Insel“ die Möglichkeit, die adaptiven Kompressionsbandagen genauer unter die Lupe zu nehmen und sich mit der Handhabung vertraut zu machen.

Der diesjährige Gesundheitspflegekongress des Springer Verlags nahm insbesondere die kommenden Herausforderungen für den Pflegeberuf in den Blick. Die mehr als zwanzig Programmpunkte thematisierten dementsprechend sowohl berufspolitische Gesichtspunkte, als auch Möglichkeiten der Weiterqualifikation und praktische Aspekte der täglichen Arbeit. Der Programmbeitrag von Kerstin Protz stellte dementsprechend mit der Kompressionstherapie ein Themenfeld in den Fokus, das derzeit noch viel Verbesserungspotential aufweist und dem dabei zukünftig, insbesondere im Zuge der älter werdenden Gesellschaft, weitere Bedeutung zukommen wird.

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