14. Gesundheitspflege-Kongress, 4. und 5. November 2016, Hamburg

14. Gesundheitspflege-Kongress, 4. und 5. November 2016, Hamburg

Theorie und Praxis der Kompressionstherapie

Prof. Dr. Joachim Dissemond, Kerstin Protz und Prof. Dr. Volker Großkopf

Als „Pflegegipfel des Nordens“ bot der 14. Gesundheitspflege-Kongress am 4. und 5. November 2016 die Gelegenheit zum fachlichen Austausch und zur Vorstellung interessanter Projekte. Der Hamburger Kongress setzte dabei einen besonderen Schwerpunkt auf den Praxisbezug. Die Expertengruppe Kompressionstherapie des Starnberger Medical Data Institute erläuterte in einem Workshop den Stellenwert der Kompressionstherapie und ermöglichte den Teilnehmern einen Einblick in die Praxis dieser wichtigen Therapieform.

Unter Moderation von Professor Dr. Volker Großkopf gaben Kerstin Protz und Professor Dr. Joachim Dissemond einen Überblick über die Entwicklung und die Versorgungspraxis der Kompressionstherapie in Deutschland.

Bereits steinzeitliche Darstellungen bezeugen die Kompression der Unterschenkel zur Leistungssteigerung. Die eigentliche Geschichte der Kompressionstherapie setzt aber erst in der Antike ein, so Professor Dr. Dissemond in seinem einführenden Vortrag. Die von Hippokrates und dem römischen Wundarzt Galen beschriebenen Prinzipien spiegeln sich auch in der modernen Kompressionstherapie wieder. Insbesondere die Definition Galens, dass ein Verband Schmerzen vermeiden, richtig sitzen und gefällig aussehen, dabei aber schnell anzulegen sein sollte, ist im Wesentlichen ein auch heute noch geltendes Prinzip. Die antiken Kenntnisse zur Kompressionstherapie gingen zunächst verloren und wurden im späten Mittelalter in Europa wieder aufgegriffen. Über Bleiplatten, Holzschalen, Manschetten aus Hundeleder und die Einschnürung der Unterschenkel mit einfachen Bändern oder schmalen Lederriemen entwickelte sich die Kompressionstherapie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zinkleim-Verband des Hamburger Dermatologen Paul Unna, der in den USA als „Unna-Boot“ synonym für den Kompressionsverband steht. Heinrich Fischer, Gustav Pütter und Karl Sigg entwickelten im 20. Jahrhundert die Materialien und Prinzipien weiter, und auch ihre Namen sind bis heute mit der Kompressionstherapie verbunden. Heutzutage bietet der Markt eine Vielzahl an Produkten und Versorgungsoptionen. So sei es in der modernen Kompressionstherapie möglich, jedem Patienten die für ihn passende Versorgung zukommen zu lassen, so Dissemond. Hierfür stehen in der ersten Versorgungsphase Binden und adaptive Kompressionsbandagen zur Verfügung, die bei erfolgter Entstauung des Beins durch eine Bestrumpfung ersetzt werden                

Im Anschluss berichtete Professor Dr. Volker Großkopf von aktuellen rechtlichen Entwicklungen, die das Berufsfeld der Pflege in besonderer Weise berühren. Obwohl die Akademisierung der Pflege seit über 15 Jahren zur Qualifizierung der Pflegenden und ihrer Tätigkeit beiträgt, ist die Voraussetzung für diesen Beruf immer noch ein Berufsschulabschluss. Dennoch gehören Pflegefachkräfte seit dem 1. Juli 2016 zu den qualifizierten Berufen, die durch das neu gefasste Anti-Korruptionsgesetz betroffen sein können. Nach Ansicht von Professor Dr. Großkopf bewegen sich die Entwicklungen in der Pflege zudem im Spannungsfeld zwischen der Akademisierung dieses Berufsbildes, mit der neue Verantwortlichkeiten einhergehen und der gesetzlichen Entwicklung, insbesondere hinsichtlich der haftungsrechtlichen Situation. Das Risiko stecke hierbei im Detail, so der Kölner Jurist. Evidenzbasierte Leitlinien und Standards, wie beispielsweise medizinische Leitlinien (AWMF) oder Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätssicherung in der Pflege (DNQP) können Pflegfachkräften Rechtssicherheit bieten, da sie auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft gründen. Großkopf wies darauf hin, dass ein bewusstes Abweichen von solchen Standards nur mit einer guten Begründung möglich ist. Wenn ein Versorger hingegen unbegründet von einer solchen Leitlinie abweicht, kann das als Verletzung der Sorgfaltspflicht aufgefasst werden.

Als Hinleitung auf den nun folgenden Praxisteil des Workshops, stellte Kerstin Protz, Projektmanagerin Wundforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, neue Daten zur Kompressionstherapie in Deutschland vor. In einer deutschlandweit durchgeführten Studie wurde das Wissen von Patienten hinsichtlich ihrer bestehenden Kompressionsversorgung ermittelt. Hieraus ist, so die Hamburger Fachautorin, ein Überblick über die Versorgungssituation abzuleiten, der größtenteils ernüchternd sei. So wird ein erheblicher Anteil der Patienten, die unter einem venösem Beingeschwür leiden, nicht mit einer Kompressionstherapie versorgt, obwohl diese neben der Wundversorgung als wesentliche Säule der Therapie gilt. Aber auch bei Patienten, die eine Kompressionstherapie erhielten, wurden zum Teil erhebliche Defizite festgestellt. Die Daten belegen in vielen Fällen eine lange Wunddauer und monatelange Anwendung von Bindenwickelungen. Beides deutet auf eine unzureichende Kompressionstherapie hin. Die Versorgung mit Kurzzugbinden oder Bindensystemen sollte nach drei bis vier Wochen, wenn eine Entstauung erzielt ist, durch eine entsprechende Bestrumpfung ersetzt werden. Dies kann gleichzeitig die Lebensqualität der Betroffenen steigern. Im Anschluss bot Protz den zahlreichen Teilnehmern die Gelegenheit, an einer praktischen Übung teilzunehmen, bei der sie ihre Fähigkeiten im Anlegen von Kompressionsverbänden mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung überprüfen konnten. Die erreichten Druckwerte wurden hierbei mit Hilfe einer unter der Bandagierung platzierten Sonde ermittelt. Zudem hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich über die neuartige Versorgungsoption der adaptiven Kompressionsbandage zu informieren. Hierbei handelt es sich um Manschetten, die mit Klettverschlüssen am Bein befestigt werden und es ermöglichen, den erzeugten Kompressionsdruck mit Hilfe einer Messschablone individuell einzustellen.

Der Workshop des Medical Data Institute auf dem 14. Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg gab einen umfassenden Einblick in die Theorie und die Praxis der Kompressionstherapie. Hierbei wurden den Teilnehmern gleichermaßen die medizinische, die pflegerische und die rechtliche Perspektive vorgestellt. Der abschließende Praxisteil nahm die Konzeption des diesjährigen Kongresses auf, die auf einen starken Praxisbezug abzielte, und ermöglichte den Teilnehmern, die aktuellen Informationen durch praktische Erfahrungen zu unterfüttern.

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