10. VERAH-Kongress vom 13. bis 14. September in Bad Kissingen

10. VERAH-Kongress vom 13. bis 14. September in Bad Kissingen

Kompressionstherapie in Theorie und Praxis

MDI-Fachexpertin Kerstin Protz

(Bad Kissingen) Am 13. und 14. September 2018 fand im Kurhotel in Bad Kissingen der 10. VERAH-Kongress statt. Diese Veranstaltung dient der Fortbildung der Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis und dem Austausch über aktuelle Themen. Die mehr als dreißig Programmpunkte des „Jubiläumskongresses“ thematisierten die unterschiedlichen Bereiche der hausärztlichen Versorgung. MDI-Fachexpertin Kerstin Protz  erläuterte in einem praxisnahen Vortrag die Grundlagen und Möglichkeiten der  Kompressionstherapie und präsentierte neue Entwicklungen in dieser Therapieform.

Die Fortbildung zur Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) wendet sich an das hausärztliche Praxisteam. Durch diese berufliche Weiterentwicklung können entsprechend qualifizierte Mitarbeiter den Hausarzt entlasten und die ambulante Versorgung von Patienten, insbesondere im ländlichen Bereich, verbessern. Im Rahmen mehrerer bundesweit organisierter VERAH-Kongresse bietet das Kölner Institut für Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IHF) medizinischen Fachangestellten und Mitgliedern anderer entsprechend qualifizierter Berufsgruppen Gelegenheit, in relevanten Themen, Neues zu erfahren und Bekanntes aufzufrischen. Der VERAH-Kongress in Bad Kissingen ist die größte der drei jährlich im Bundesgebiet stattfindenden Veranstaltungen dieser Art.

Die MDI-Fachexpertin Kerstin Protz ist Projektmanagerin für Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Schwerpunkt ihrer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit ist die Kompressionstherapie. Hierbei handelt es sich um eine Säule der Versorgung von Menschen mit Ulcus cruris venosum und somit um einen Themenbereich, mit dem VERAHs in ihrer täglichen Praxis oft befasst sind. In ihrer praxisnahen Präsentation stellte Protz zunächst die Grundlagen der Kompressionstherapie vor und erläuterte die Bedeutung der Unterpolsterung einer jeden Bandagierung. Die hierbei verwendeten Watte- oder Schaumstoffbinden sind laut Protz unabdingbarer Bestandteil der Versorgung. In vorkonfektionierten Bindensystemen, den sogenannten Mehrkomponentensystemen, sind entsprechende Polstermaterialien bereits enthalten. Für die Ausführung einer Bandagierung mit den oft genutzten Kurzzugbinden gebe es zahlreiche etablierte Methoden, aber der wissenschaftliche Nachweis zur Überlegenheit einer bestimmten Technik sei bisher nicht erbracht. Daher empfiehlt die Hamburger Fachautorin, unter Einhaltung bestimmter Grundsätzlichkeiten, diejenige Bandagierungstechnik zu nutzen, in der der jeweilige Anwender sich sicher fühlt. Wesentlich sei allerdings eine regelmäßige Erfolgskontrolle der Entstauungsmaßnahme, um über eine eventuelle Anpassung der Therapie entscheiden zu können. Zur entsprechenden regelmäßigen Umfangmessung von Vorfuß-, Knöchel- und Wadenumfang empfahl Protz Einmalmaßbänder, die auch in manchen Fertigbindensystemen enthalten oder über Strumpfhersteller zu beziehen sind.

Hinsichtlich der Versorgungssituation von Menschen mit Kompressionstherapie in Deutschland sieht die MDI-Fachexpertin erhebliches Verbesserungspotential. So zeigte sich in einer aktuellen Studie, dass Kenntnisse und praktische Fertigkeiten der Anwender in der Kompressionstherapie nicht ausreichend sind. Diese großangelegte und deutschlandweit durchgeführte Studie schloss sowohl speziell im Themenfeld fortgebildete Ärzte, medizinische Fachangestellte, Pflegefachkräfte – sogenannte Wundexperten – als auch Versorger ohne spezielle themenbezogene Qualifikation ein. Mehr als 1.100 Teilnehmer absolvierten im Rahmen der Erhebung einen Praxistest zur Erstellung eines phlebologischen Kompressionsverbandes mit Kurzzugbinden und Unterpolsterung. Bei der anschließenden Messungen der dabei am Bein erwirkten Anlagedruckwerte, der bei der Kompressionsversorgung von Menschen mit Ulcus cruris zwischen 40 und 60 mmHg betragen sollte, erreichte etwa von jeder zehnten Studienteilnehmer diesen Zieldruckwert. Dabei zeigte sich zwischen weiter- und nicht weiterqualifizierten Teilnehmern kein signifikanter Unterschied.

 „Es gibt heutzutage Therapieoptionen, die wesentlich einfacher anzuwenden sind und die Lebensqualität des Patienten besser unterstützen“, erläuterte Protz. „Daher sind Kurzzugbinden mittlerweile überholt.“ Eine zeitgemäße Alternative sind Mehrkomponentensysteme, die seit fast zwanzig Jahren auf dem deutschen Markt erhältlich sind und durch eine erleichterte Anlage sowie einen zuverlässigen Druckerhalt die Effizienz der Kompressionstherapie erhöhen. Eine aktuelle Option stellen zudem die adaptiven Kompressionssysteme dar, die über Klettungen verschließbar sind und von entsprechend mobilen Patienten selbst angelegt werden können. „Sprechen Sie mit Ihrem Patienten über seine Vorstellungen und Möglichkeiten, und beziehen Sie diese Informationen in die Entscheidung für die individuelle  Therapieoption mit ein“, empfahl Protz.

Anschließend hatten die Teilnehmer Gelegenheit, in einem Kompressionsworkshop ihre Fertigkeiten in der praktischen Anlage von Kompressionsbinden zu üben und bestehende Kenntnisse zu vertiefen. Unter sachkundiger Anleitung von Protz legten die Teilnehmer aneinander phlebologische Kompressionsverbände an. Dann ermittelte die Fachexpertin die hierbei erzeugten Druckwerte. Es zeigte sich, wie schwierig es ist, den Druck einzuschätzen, den man bei der Anlage einer solchen Bandagierung erzeugt. Zudem informierten sich die interessierten Teilnehmer über die neuartigen adaptiven Kompressionsbandagen. Unter fachkundiger Anleitung übten sie die Anlage eines solchen Klett- oder Wrap-Verbandes ein, die insgesamt als einfacher und anwenderfreundlicher beurteilt wurde als herkömmliche Kurzzugbindenbandagierungen.

Das informative Programm des VERAH „Jubiläumskongresses“ im fränkischen Bad Kissingen war breit gefächert und wurde von über 250 Teilnehmern wahrgenommen. In ihrem Programmbeitrag legte die MDI-Fachexpertin Kerstin Protz einen Fokus auf die   Kompressionstherapie. In ihrem gleichermaßen informativen wie praxisnahen Vortrag vermittelte sie auf Basis eigener langjähriger Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Versorgung aktuelle Inhalte und relevante Neuerungen. Deutlich wurde der Stellenwert der Kompressionstherapie in der Versorgung von Menschen mit venösen Erkrankungen. Es handelt es sich um eine Patientengruppe, der die VERAHs aufgrund der Alterung der Gesellschaft in Zukunft häufiger begegnen werden.


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