Thromboseprophylaxe: Unscharfe S3-Leitlinie bringt Ärzte ins Schlingern
 
Expertengruppe stellt die Kombination von Heparinen und Thromboseprophylaxestrümpfen auf den Prüfstand

  
21. Februar 2012 - Die Frage ist einfach zu beantworten: Wenn ein Krankenhaus eine Thromboseprophylaxe unterlässt, begeht es einen groben Behandlungsfehler. Dies geht nicht zuletzt aus einem Urteil des Landesgerichts Potsdam vom 5. Mai 2011 hervor. Weniger einfach ist die Frage zu beantworten, welche Einzelmaßnahmen eine adäquate Thromboseprophylaxe umfassen sollte. Gehören etwa im Zeitalter der niedermolekularen Heparine die Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) noch dazu?
 
Darum streitet sich nun die Fachwelt. Während Befürworter den physikalischen Effekt der Strümpfe unabhängig von der medikamentösen Therapie bestätigen, sehen Kritiker keine hinreichende Evidenz für die Wirksamkeit der Maßnahme. Da die aktuelle S3 Leitlinie „Prophylaxe der venösen Thromboembolie“ die Strümpfe nur nach Operationen mit hohem Thromboembolierisiko und bei einer Kontraindikation von Heparinen ausdrücklich empfiehlt – bei allen anderen Eingriffen aber lediglich eine Kann-Empfehlung gibt, ist sie in vielen Bereichen unscharf und lässt den Ärzten erheblichen Ermessensspielraum.
 
„Ärzte sollten mehr Klarheit bekommen, wie die aktuelle S3-Leitlinie im Einzelfall zu interpretieren ist und wann MTPS als Add-on zur medikamentösen Therapie medizinisch sinnvoll sind“, sagte Dr. Colin Krüger, Chirurg an den Vivantes Kliniken Berlin, am 20. Februar beim zweiten Expertengruppentreffen in München. „Im Zweifel entscheidet der ökonomische Druck und nicht die medizinische Notwendigkeit – das kann verhängnisvolle Folgen für die Patienten haben.“
 
Aus diesem Grund will die im November gegründete Expertengruppe Thromboseprophylaxe für mehr wissenschaftliche Klarheit, aber auch für mehr Rechtssicherheit unter den Ärzten sorgen. Bei dem Treffen in München einigten sich die Mitglieder darauf, eine biomechanische Testung von MPTS zu veranlassen. „Dann glauben wir nicht nur, sondern wissen auch, welcher Strumpf welche Wirkung hat“, sagte Prof. Marc Kraft vom Fachbereich Medizintechnik der TU Berlin, der die Testreihe voraussichtlich durchführen wird. Die Experten wollen sich darüber hinaus für die Durchführung einer klinischen Studie einsetzen. „Im Zeitalter der Evidenz brauchen wir eine bessere Datenlage“, bekräftigten sie am Montag.
 
„Es gibt viele gute Gründe, die für eine Kombination von Strümpfen und Heparin sprechen“, betonte Prof. Peter Kujath, Leiter der Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Lüneburg, der an der S3 Leitlinie mitgewirkt hat. Augenblicklich gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, die Strümpfe wegzulassen.
 
Ein ausführlicher Bericht über das Treffen der Expertengruppe zur Kombination von MTPS mit der medikamentösen Therapie wird im April als Sonderveröffentlichung im Springer Medizin Verlag in der Fachzeitschrift „Der Chirurg“ erscheinen.
 
Über die Expertengruppe Thromboseprophylaxe
 
Der Gruppe gehören Ärzte, Wissenschaftler, Juristen und Gesundheitsökonomen aus ganz Deutschland an, einige haben an der AWMF S-3 Leitlinie mitgearbeitet. Das Expertenteam will – angesichts der hohen Thrombose-Inzidenz (0,2 Prozent der Bevölkerung) und bis zu 40 000 Todesfällen pro Jahr  – mehr Klarheit über eine effektive Thromboseprophylaxe schaffen.

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